„Jörg, warum machst Du digitale Spiegelreflexkameras so schlecht?“

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Das werde ich tatsächlich so, oder so ähnlich, in den letzuten Wochen und Monaten immer öfter gefragt. Seit meinem Posting gestern Abend mit dem Video von Jason Lanier, indem er recht marktschreierisch die 10 Gründe nennt, warum er als Profi von Nikon DSLRs weg ist und bei den spiegellosen Sony gelandet ist, habe ich alleine 15 Nachrichten und Mails zu obigen Thema bekommen. Das scheint ja ein echtes Thema zu sein…. Manche Diskussionen nehmen schon religiöse Ausmaße an.

Also habe ich mir vorgenommen ein paar Zeilen dazu zu schreiben.

1. Ich mache DSLRs nicht schlecht!

Die DSLRs haben meines Erachtens nach wie vor eine starke Daseinsberechtigung und auch wir nutzen weiterhin DSLRs für unsere fotografischen Aufnahmen. Meine liebe Frau nutzt überwiegend DSLRs von Nikon und hat dieses Jahr mehr Hochzeiten begleitet als ich.

Gerade im Autofokus ist die DSLR ungeschlagen schnell im Vergleich zu allen Spiegellosen die ich kenne. Für „schnelle Aufträge“, wie Sport ist der Einsatz einer schnell fokusierenden Spiegelreflex nach wie vor wesentlich sinnvoller als der einer spiegellosen Systemkamera.

Ein zweiter, nicht unerheblicher Vorteil der Spiegelreflexkameras sind die Akkus bzuw. der geringere Stromverbrauch der Kameras. Mit einer DSLR komme ich gut und gerne auf mindestens 1.500 Aufnahmen mit einem Akku. Bei einer Spiegellosen ist meist nach um die 400 Bildern pro Akku der Saft alle.

2. Ja ich nutze meine beiden Systemkamera-Systeme sehr gerne und in 95% meiner Aufträge nutze ich Spiegellose!

Die Vorteile sind für mich überwiegend:

2.1 Elektronischer Sucher
Ich kann diese Forenweißheiten der ganzen Theorethiker nicht mehr ernst nehmen. Dort liest mann allzuoft von nachziehenden und schlierenden elektronischen Suchern. Mir ist schleierhaft wo man dieses merkt und noch viel mehr wo dieses im Auftragsshooting stören würde. Die Sucher sind derart schnell und hochauflösend geworden und bieten so enorm viele Vorteile wie z.B. direkt sichtbare Belichtungskorrekturen (ich sehe vor dem Bild wie das Bild aussehen wird) und sichtbare Stimmungen wie Flares die ich im Sucher bereits genau so sehe wie später auf dem fertigen Ergebnis. Zudem sehe ich im Sucher die Menüs, sprich ich muss die Kamera gar nicht vom Auge nehmen um etas in den Einstellungen zu verändern. Im starken Sonnenlicht kann ich das fertige gemachte Bild im Sucher kontrollieren, während man auf dem Display wegen der starken Sonneneinstrahlung schon Probleme hat.

2.2. Schwenk bzw. Klappdisplay
Es ist einfach unglaublich geil. Ich liege nicht mehr im Dreck! Ich sehe bei Über-Kopf-Aufnahmen was ich aufnehme und mache keinen Blindflug mehr. Yiieeehaaaa – nur mehr ohne! Die Zeiten lustiger (für andere…) Making Of Bilder von mir im Dreck liegend sind vorüber!

2.3. Gewicht
Selbst die große Vollformat Systemkamera von Sony und deren Vollfoirmat Objektive sind deutlich leichter und kleiner als die der DSLRs. Bei Fuji (da reden wir von Crop / APS-Systemen) sind diese nochmals deutlich kleiner und leichter und bei den Olympus (Crop 2x / mFT) muss man ja schon Angst haben beim Objektiv wechseln so ein kleines leichtes 45 1.8 einzuatmen, so leicht und klein sind diese. Ja ich bin groß und stark (und schwer!) und ich kann große Kameras tragen, ich will das aber nicht mehr, schon gar nicht bei einem 12 oder 14h Reportagetag einer Hochzeitsbegleitung.

2.4. Lautstärke und Auffälligkeit
Der fehlende Spiegel nimmt auch ein großes Stück an störender Akkustik. Gerade bei einer kirchlichen oder standesamtlichen Zeremonie ist das „Kallaaaaaaak“ einer Nikon D3s schon störend. Ich habe das nie gesagt bekommen, weder von einem Pfarrer noch von den Brautpaaren aber mich hat es gestört, denn es geht nicht um die Fotografen, sondern um die Zeremionie und das Brautpaar. Gerade die Olmpus und die Fuji Systeme sind derart Leise und damit unauffällig. Die Sony A7R ist leider zeimlich laut, auch wenn ich ehrlicherweise nicht so richtig weiß warum man das Auslösen dieser Kamera so deutlich hört, da sie doch keinen Spiegel hat der „rum-kalakkert„. Die Sony A7s sind auch leiser und sogar ganz lautlos zu betreiben dank elektronischem Verschluss. Hach, die A7s… – anderes Thema!

2.5. Systemoffenheit
Ich bin wahrlich kein Objektivsammler oder Altglaßfreak und verstehe auch ehrlicherweise diesen Wahn mancher nicht wirklich, aber die Adaptierbarkeit der Systemkameras ist unerreicht gut. Durch das geringere Auflagemaß kann man nahezu alles, was es jemals als Objektiven gab, an die spiegellosen Kameras adaptieren und verwenden. Dadurch kann man, bei bewusstem Einsatz dieser alten Gläser, besondere Locks und Chartakter in die Aufnahmen bringen, die früher schon die Aufnahmen auf Film verzauberten. Dank des unglaublich guten Fokus-Peaking, insbesondere bei den Sonys, ist das manuelle Fokussieren ein echter Spaß und keine schwere Aufgabe!

2.6. Speicherkarten
Was ein Glück nutzen endlich alle Kameras diese herrlich kleinen und bezahlbaren Speicherkarten die man in den meisten Rechnern auch direkt ohne Adaper reinstecken kann. Alle Kameras nutzen SD-Cards. Für mich ein Segen! Ein kleiner Segen, aber ein Segen.

Kommen wir mal zu den mir oft gestellten Fragen:

F: Kann die Sony A7R verschiedene RAW Auflösungen?
A: Nein, ich habe dazu keine Funktion gefunden und sehe darin auch keinen Sinn. Ich bin froh über jedes Megapixel und würde mittlerweile auch 50MP nehmen. Die Festplatten und Speicher kosten fast nichts mehr und das Mehr an Auflösung bringt Reserven mit die mehr hilfreich als nachteilig sind.

F: Taugt das Blitzsystem bei Sony und Fuji denn mittlerweile?
A: Taugen tut es, auf jeden Fall, aber es ist eindeutig schlechter als bei Canon oder Nikon. Beide, sowohl Sony als auch Fuji könnnen immer noch kein High Speed Sync (HSS) und sind bei 1/160stel, oder 1/250stel Verschlusszeit bzw. Synchronzeit reklementiert. Das ist beim Blitzen tagsüber blöd wenn es „bockhell“ ist und ich mit einer offenen Blende fotografieren und trotzdem Blitzen will. Der Workarround dazu nennt sich bei mir California Sunbounce (Reflektor).

F: Gibt es Adapter an denen ich meine Nikon Objektive „voll“ weiter nutzen kann für Sony und Fuji?
A: Für Sony gibt es solche Adapter von Metabones die Canon Objektive zu 100% mit Autofokus und Blendensteuerung nutzbar machen. Der Autofokus wird aber sehr langsam dabei. Ich persönlich würde das nicht mehr als wirklich alltagstauglich bezeichnen. Muss aber jeder selbst für sich und seine Anforderungen entscheiden ob das sinnvoll ist oder eben nicht. Für Nikon Objektive gibt es sehr günstige Adapter, meistens aus China, von denen ich ab rate oder die guten Adapter aus dem Hause Novoflex, die ich beide auch selbst nutze um meine Nikon Objektive an die Sony oder Fuji zu adaptieren. Dort wird die Blendensteuerung über einen mechanischen Ring am Adpater übernommen und der Fokus wird manuell eingestellt, was bei dem Fokus Peaking der Sony sehr gut geht und bei Fuji einigermaßen geht. Fuji User loben das Fokus Peaking gerne, welches in den letzten Updates der Kameras oder der Firmware seitens Fuji auch besser geworden ist, aber immer noch deutlich schlechter ist als das Fokus Peaking der Sony A7-Serie. Ob Metabones, Novoflex oder andere Hersteller in Planung haben die Nikon Objektive vollautomatisch anschließen lassen entzieht sich meiner Kenntnis. Meines Wissens nach geht es da auch um Lizenzen.

F: Ich habe große Hände – taugen da die Systemkameras für mich überhaupt?
A: Na ja, wie soll ich es sagen? Ich selst habe echte „Pfoten“ und große Hände und habe dennoch Gefühl in diesen (fragt meine Frau :-)) und habe mit den deutlich kleineren Kameras ohne Spiegel keine Sorgen im Handling. Bei Hochzeiten oder anderen längeren Shootings nutze ich an meiner Sony A7R und ebenso auch an meiner Fuji XT1 die Batteriegriffe. Diese haben mehrere Vorteile

– Hochformatauslöser
– zweiter Akku – damit um die 800-900 Bilder ohne Akkuwechsel
– Kunde nimmt die Kamera als Kamera wahr und nicht als Spielzeug (das wird noch Jahre in
den Köpfen unserer Kunden dauern bis die verstehen das auch kleine Kameras große Bilder
machen können…)

F: Das Schwenkidisplay wird oft gelobt, aber LiveView ist doch so langsam?
A: Irrglaube den uns die älteren DSLR gelehrt haben. Nor dort war der Liveview langsam bzw. unbrauchbar. Das Schwenkdisplay zeigt genau das selbe – eins zu eins – an wie der Sucher und es ist eine wahnsinns erleichterung das Display nach unten klappen zu können und die Kamera nach oben auszustrecken und dann über Kopf-Aufnahmen zu machen. Die Hosen und Knie danken es Euch zudem das man das Display nach oben schwenken kann und man eben nicht mehr im Dreck liegen muss um durch den alten Sucher zu schauen. Ja es gibt dadurch leider wenige lustige Making Of Bilder von mir auf unserem Facebook Account. 🙂

F: Nur ein Speicherkartenslot? Das ist doch viel zu gefährlich!
A: Ganz ehrlich, hatten Eure Kameras vor 10 Jahren auch zwei Filme gleichzeitig eingelegt? Ich kenne keinen der gewissenhaft mit seinen Speicherkarten umgeht und trotzdem Bilder verloren hat. Dennoch liest man oft davon. Sind es Verkaufsargumente derer die eine DSLR mit zwei Slots haben? Ist es Panikmache derjenigen die auch Hosenträger und Gürtel tragen? Ich gebe zu, ich würde auch gerne zwei Slots haben, habe aber effektiv bisher keine Nachteile gehabt durch nur einen Slot für Speicherkarten. Ich wechsel die Speicherkarten aber auch oft und arbeite bei Hochzeiten immer mit zwei Kameras um das Verlustrisiko so gering wie möglich zu halten und ich arbeite maximal 2 Jahre mit einer Speicherkarte. Dann geht diese in den Müll und es kommen neue Karten her. Meine Speicherkarten sind alle beschriftet mit Jahreszahlen und jetzt ende Dezember gehen alle 2012er Karten in den Müll.

F: HighISO Tauglichkeit – da sind die Spiegellosen doch deutlich schlechter, oder?
A: Nein, das war mal! Die Sony A7R hat meines Erachtes das selbe gute und brauchbare Rauschverhalten wie eine Nikon D810. In meinem Vergleich zur D800 war die A7R sogar ab ISO 1.600 besser als die D800. Die A7s ist die High-ISO-Sau vor dem Herrn – Hach, die A7s… – anderes Thema! Die Fuji XT1 kann es locker mit einer D700/D800 aufnehmen und ist trotz Ihres APS-Sensors deutlich rauschärmer als eine Nikon Crop-DSLR wie eine D7100. Bei meinen Olympus Tests der OMD-EM5 und -EM10 waren diese beiden Kameras im Rauschen nicht so optimal aber immer noch in absolut brauchbarem Rahmen.

Ups, jetzt ist dieser Text doch etwas länger geworden und beinhaltet etwas mehr als nur reine Antworten auf die mir gestellten Fragen. Ich hoffe Eure Fragen beantwortet zu haben und nicht oft gestellte Fragen vergessen zu haben.

Was ist mir wichtig an diesem Posting?

Ich bin weder militanmter Verfechter der Systemkameras, noch militanter „schlechtmacher“ der Spiegelreflexe. Beide Systeme sind erwachsen und bieten den Fotografen eine nie dagewesene Vielfalt an Möglichkeiten. Für mich und meine persönlichen Anforderungen bieten in 95% der Fälle die spiegellosen Kameras von Sony und Fuji das für mich optimalere System. Diese Meinung ist nach nun mehr als 12 Monaten professionellem Einsatz der beiden Systeme manifestiert und beruht nicht auf reine theoretiche Forenweisheiten.

„Ist eine Kamera eine Geliebte oder ein Werkzeug für Dich Jörg?“

In erster Linie sind meine Kameras reine Werkzeuge. Aber ein leidenschaftlicher Handwerker kann sein Werkzeug ruhig lieben und hat seine „Lieblingswerkzeuge“. Ich habe lange Zeit meine Leica M9 „geliebt“, nur leider war sie als Werkzeug nur „suboptimal“ einsetzbar. Daraus wird glaube ich aber gut erkennbar wie ich das meine und wie ich dazu denke. Ein Werkzeug, eine Kamera, muss seinen Job gut machen und wenn Sie das tut und mir zudem immer wieder den „Spaßfaktor“ bringt, dann kann ich auch ein Werkzeug „lieben“ und genau das ist meine Sony A7R. Diese Kamera „liebe“ ich weil sie mir als Werkzeug einen treuen und zuverlässigen Job macht und noch dazu bei jedem Bild die Faszination dieses Sensors in die Augen drückt – kurz:

Ich liebe dieses Werkzeug, meine Geliebte!

Bei weitere Fragen gilt wie immer – einfach fragen!

Schöne Grüße – Euer Fotofuzzy – Jörg Langer

4 Kommentare

  1. Mojn,
    bin schon seit 2006 Systemkamera (ohne Wechselobjektiv) Nutzer und kenne es nicht anders.
    Ich bewundere z.T. mit Respekt, die Möglichkeiten, die im Thema Speizalobjektive (Astronomie, Tele – Tiere) liegen und auch die schnellen Auslösezeiten mit Spiegel die unglaubliche Sportfotos erlauben (NFL Fan).
    Man könnte schon den Eindruck gewinnen, dass Reporter und Medienprofis mit den Spielgelreflexsystemen in Vielzahl arbeiten … bestimmt nicht ohne Grund.
    Daraus aber eine Ableitung zu machen, dass nur wer das Werkzeug nutzt, berechtigt ist sich „Profi“ nennen zu dürfen wäre zu weit hergeholt. Genau so, wer mit den mittlerweile Top Systemcams Spitzenfotos macht und die verkauft … naja: Wer Erfolg hat hat Recht 🙂

    Aber was wäre die Welt ohne kleine (auch gern mal hitzig) geführte Fachsimpeleien … alles Friede Freude Kuschelkurs … Innovationen sind ja die Resultate aus Diskussionen um die besten Lösungen.

    friedlichen 3. Advent – Mad

  2. „Beide, sowohl Sony als auch Fuji könnnen immer noch kein High Speed Sync (HSS) und sind bei 1/160stel, oder 1/250stel Verschlusszeit bzw. Synchronzeit reklementiert.“

    Hä? Mit den ganzen Sony Blitzen funktioniert HSS einwandfrei, z.B. F43M oder F60M. Mit Adapter kannst auch die alten F36AM, F42AM, F56AM, F58AM oder selbst die Minoltas verwenden.

    Mit nem Pixel King-Funkauslöser kannst auch einen Jinbei mit HSS betreiben.

    1. Ich wer verrückt – das geht ja! Sorry für den inhaltlichen Fehler, der sich dann ausschließlich auf Fuji bezieht und nicht auf Sony.

      *freu*

      Ein Grund mehr der meine Entscheidung Sony vs. Fuji noch verstärkt.

      Danke für die Korrektur!

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