Straßenfotografie in Deutschland – unmöglich?

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Dies ist ein Gastbeitrag von Sebastian Jacobitz. Sebastian mag meinen Blog sehr, wie er mir schrieb, findet aber das das Thema „Straßenfotografie / Street“ in den letzten Monaten zu kurz kommt. Damit hat er leider recht und deswegen sage ich Danke und freue mich sehr über diesen Beitrag.


Bio: Sebastian Jacobitz ist Straßenfotograf aus Berlin und Mitglied im Kollektiv Berlin1020. Auf seinem englischsprachigem Blog teilt er zudem seine Erfahrungen der Straßenfotografie.


Die Straßenfotografie ist ein polarisierendes Thema in Deutschland. Es gibt kaum einen Fotografen der nicht eine Meinung zu dieser Art des Fotografierens hat. Die einen Lehnen es aus moralischen Gründen ab, Bilder von Fremden Personen ohne deren Einverständnis zu veröffentlichen, während die gegengesetzte Fraktion, den dokumentarischen Wert der Bilder für höher einschätzt.
Als Straßenfotograf aus Berlin möchte Ich meine Perspektive zur aktuellen Situation der Straßenfotografie wiedergeben.

Bedeutung der Straßenfotografie

Die Straßenfotografie verfolgt aus meiner Sicht wichtige Aufgaben. Sie dokumentiert den heutigen Zeitgeist und macht diesen für zukünftige Generationen sichtbar. Als Gesamtheit, spiegelt diese Art der Fotografie auch die Gesellschaft wider.
Natürlich könnte jetzt argumentiert werden, dass mit Hilfe von Smartphones eigentlich schon alles dokumentiert und online gestellt wird, aber hier tritt das Problem auf, dass diese Bilder stark verzerrt sind.

Uns ist bewusst, dass in Sozialen Medien das eigene Leben nur selektiv präsentiert wird. Es werden nur die besten Seiten gezeigt. Bilder aus dem Urlaub, bei einem schönem Restaurantbesuch oder anderen positiven Ereignissen.

Das echte Leben sieht allerdings anders aus. Die Straßenfotografie ermöglicht einen Zugang zu diesem Leben und auch wenn die historische Bedeutung größer gewesen sein mag, so ist Sie heute immernoch wichtiger Bestandteil der Dokumentation des heutigen Lebens.

Ohne die Straßenfotografie oder Fotografen, die das Leben dokumentierten, blieben uns kaum „echte“ Bilder aus den vorangegangen Jahrzehnten.

Neben der reinen Dokumentation, gibt es auch die künstlerische Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt. Oftmals werden die fotografierten Personen in einen Kontext mit der Umgebung gesetzt und eine Geschichte innerhalb des Bildes entsteht.

Ängste & Vorurteile

Als ich mit der Straßenfotografie anfing hatte ich wahrscheinlich die gleichen Ängste & Vorurteile die jeder hat. Wie werden die Menschen reagieren, wenn ich in der Öffentlichkeit fotografiere? Werde ich Ärger bekommen, oder werden Personen mich gar angreifen?

Zunächst war der größte Gegner nicht der Fremde, sondern ich. Mit der Kamera loszuziehen und einfach so zu fotografieren kostet auch Überwindung. Nicht selten wird man misstrauisch beobachtet und natürlich ist man Anfang noch unsicher mit dem Fotografieren in der Öffentlichkeit.

Mit der Zeit bekommt man allerdings etwas mehr Routine. Man traut sich mehr, geht näher auf die Menschen zu und hat keine so extreme Angst mehr im Umgang mit der Kamera.

Nach Jahren des Fotografierens auf der Straße ist meine Erfahrung zudem, dass die meisten Menschen gar nicht so negativ eingestellt sind. In all der Zeit wurde ich ein einziges Mal aufgefordert ein Bild zu löschen und sonstige Konfrontationen sind ausgeblieben.

Klar gibt es ab und an mal einen Spruch, aber die können auch einfach überhört werden.

Letztlich hat sich durch die Straßenfotografie ein positiverer Blick auf die Menschen entwickelt. Viele reagieren eher überrascht oder neugierig, aber wenn man positiv auf die Menschen zugeht, sind diese auch meist freundlich eingestellt, sodass die zuvor genannten Ängste unbegründet sind.

Ein Haken hat die Straßenfotografie in Deutschland dennoch und das ist die Rechtssituation. Ohne jetzt das ganze Thema im Detail juristisch zu erörtern, kann angenommen werden, dass die Straßenfotografie im Kern illegal ist. Also das fotografieren und vor allem veröffentlichen der Bilder ohne Einverständnis der Fotografierten.

Dennoch habe ich auch hier kein Problem offen mit der Straßenfotografie umzugehen. Bisher hatte ich hier noch keine negativen Erfahrungen und so freue ich mich auch weiterhin die Bilder anderer Straßenfotografen in den Galerien oder im Internet anschauen zu können.

Straßenfotografie International

International ist die rechtliche Situation oftmals entspannter. Hier gilt der Grundsatz, was in der Öffentlichkeit passiert, darf auch veröffentlicht werden.

Gerade in den U.S.A. und hier insbesondere New York hat sich im 20. Jahrhundert eine bedeutsame Straßenfotografieszene entwickelt, die bis heute die Stadt auf einzigartiger Weise festhalten.

Mit der Rechtssicherheit im Rücken sind viele Straßenfotografen auch selbstbewusster in Ihrem Handeln und oftmals noch offensiver wenn es um das Fotografieren von Personen geht.

Aktuelle Situation In Deutschland

Auch wenn vielleicht der Eindruck entstehen mag, dass durch die Rechtslage die Straßenfotografie sehr eingeschränkt ist, so ist meine Erfahrung, dass die Straßenfotografie auch in Deutschland sehr gut möglich ist.
Die Rechtslage ist eher von theoretischer Natur und hat in der Praxis keine Relevanz. Die Straßenfotografieszene ist überschaubar und in den letzten Jahren stark gewachsen. So gibt es einige Kollektive und Bemühungen, die Straßenfotografie auch in Deutschland weiter zu etablieren.

Natürlich gibt es Vorurteile und andere Genres werden in Deutschland wahrscheinlich immer den Vorrang haben. So ist die Portraitfotografie in Deutschland sehr viel beliebter und Model Releases helfen dabei Sicherheit zu schaffen.

Wer allerdings daran interessiert ist das heutige Leben zu dokumentieren, der sollte sich nicht abschrecken lassen und die Straße mit eigenen Augen erkunden.

Es gibt so viel neues zu entdecken und zu erleben, sodass es sich immer lohnt mit der Straßenfotografie anzufangen. Auch wenn es nicht immer einfach ist und es genügend Tage gibt an denen ich ohne zufriedenstellendes Bild nach Hause komme, so sind einige andere Fotos dennoch den ganzen Aufwand wert.

Ausstellungen zum Thema Straßenfotografie finden auch in Deutschland zu Genüge statt, sodass dies ein weiterer Anreiz sein kann sich hier zu probieren und Bilder zu schaffe, die es selber einmal an die Wände von namhaften Galerien schaffen.

Straßenfotografieszene in Deutschland

Die Straßenfotografieszene ist vielleicht nicht sehr groß, aber diese Überschaubarkeit schafft auch eine Nähe untereinander.
In jeder größeren Stadt gibt es Anlaufpunkte für Straßenfotografen, seien es Kollektive oder Einzelpersonen, die andere Fotografen mit offenen Armen empfangen und Ihre Stadt präsentieren. Die Szene ist eher klein, aber jeder der interessiert daran ist die Straßenfotografie für sich zu entdecken ist herzlich dazu eingeladen.

Es ist auch kein Problem die Fotografen anzuschreiben, Fragen zu stellen oder sich einfach mal treffen zu wollen. In der Regel sind wir da alle ganz unkompliziert.

In der letzten Zeigt gibt es zudem größere Bemühungen die Straßenfotografie in Deutschland wieder stärker zu etablieren. So gibt es jetzt mit „German Street Photography“ eine Homepage auf der sich einige der aktiven Straßenfotografen zusammengefunden haben und sich gemeinsam präsentieren.

Das Angebot an Workshops, Büchern oder Ausstellungen ist auch in der Straßenfotografie vielfältig und wird durch die aktiven Fotografen vorangebracht und soll auch Außenstehende dazu einladen diese Art von Bildern zu entdecken.

Fazit

Auch wenn es die Straßenfotografie in Deutschland nicht sehr leicht hat, so ist es dennoch möglich diese in Deutschland auszuüben. Als Straßenfotograf lernt man die Stadt und vor allem deren Menschen völlig neu kennen. Man muss auch keinen Selbstverteidigungskurs belegen, um die Straßenfotografie in Deutschland ausüben zu können. Auch wenn oftmals sehr hitzige Diskussionen im Internet entstehen, so ist das reale Bild doch ein anderes und sehr viel positiver als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Die Rechtslage ist eher von theoretischer Natur und sollte niemanden abschrecken selber das Leben zu dokumentieren und seine eigenen Geschichten zu erzählen.


Ich sage Danke an Sebastian für diesen Beitrag. … und werde versuchen das Thema wieder öfter aufzugreifen. Angeregt wurde ich durch diesen Beitrag auf jeden Fall dazu. Danke.

Schöne Grüße – Euer Fotofuzzy – Jörg Langer

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank fuer diesen interessanten Beitrag. Als im Ausland lebender Deutscher, der gerade erst in Steet Photography eingestiegen ist, ist es nicht überraschend, dass die Rechtslage lange diskutiert wird. Britische oder US Fotografen tun sich da nicht ganz so schwer. Allerdings spielt die rechtliche Lage auch dort selbstverständlich eine Rolle.

    Ich werde irgendwann meine Kamera in meine deutsche Heimatstadt mitnehmen und dann eigene Erfahrungen dort machen. Bis dahin genieße ich die relative Gelassenheit Großbritanniens was Strassenfotografie angeht.

    Nochmals vielen Dank.

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