Heute, am 19. August, ist Welttag der Fotografie. Man könnte diesen Tag wunderbar zum Anlass nehmen, um über die Geschichte der Fotografie zu schreiben. Über den 19. August 1839, Louis Daguerre und die Daguerreotypie. Über analoge Fotografie, Kleinbildfilm, den Siegeszug der digitalen Kameras und schließlich das Smartphone, das die Fotografie endgültig zu etwas Alltäglichem gemacht hat.
Aber eigentlich beschäftigt mich heute eine ganz andere Frage. Eine viel persönlichere:
Warum fotografiere ich eigentlich?
Ich fotografiere mittlerweile seit fast fünf Jahrzehnten. Fotografie ist Leidenschaft, Hobby, Ausgleich und inzwischen auch ein wichtiger Teil meines Berufs. Ich liebe Kameras. Ich liebe Objektive. Ich interessiere mich für Technik und kann mich über ein neues Stück Equipment vermutlich deutlich mehr freuen, als für einen erwachsenen Mann angemessen wäre.
Aber ist das wirklich der Grund, warum ich fotografiere? Nein.
Am Anfang war eine Pentax Spotmatic
Meine eigene fotografische Geschichte beginnt irgendwann Ende der 1970er-Jahre. Ich bin Jahrgang 1971 und muss ungefähr sechs, sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, als ich von meinem Vater seine Pentax Spotmatic bekam.
Eine klassische Spiegelreflexkamera. Film. Manueller Fokus. M42-Schraubgewinde. Spiegelschlag. Kein Autofokus, keine Motivautomatik und natürlich kein Display, auf dem man zwei Sekunden nach der Aufnahme kontrollieren konnte, ob das Bild etwas geworden war.
Diese ursprüngliche Kamera besitze ich leider nicht mehr. Ich habe mir später aber genau dieses Modell samt passendem Objektiv wieder gekauft. Heute steht sie bei mir und erinnert mich daran, wo das alles angefangen hat. Und manchmal nehme ich sie sogar noch in die Hand und fotografiere damit.
Erst kam die Technik – dann kamen die Bilder
Als Kind war die Kamera für mich natürlich zunächst einmal Technik. Da waren Knöpfe, Rädchen, Blende, Verschlusszeit, Film, ein mechanisches Geräusch beim Auslösen – und irgendwie entstand dadurch ein Bild. Das alleine war faszinierend.
Meine Motive waren damals wenig überraschend das, was mich umgab: Natur, Landschaft, Pflanzen, Tiere und all die Dinge, die man als Kind entdeckt, wenn man mit einer Kamera loszieht. Die Technik war gewissermaßen der Zugang. Aber irgendwann wurde sie zur Nebensache.
Nicht unwichtig – ganz im Gegenteil. Bis heute kann ich mich hemmungslos für Kameratechnik begeistern. Aber über die Technik habe ich irgendwann zum Bild gefunden. Über das Bild zum Motiv. Und über das Motiv letztlich auch ein Stück weit zu mir selbst.
Heute können wir unbegrenzt fotografieren
Wenn ich diese alte Pentax heute neben ein modernes Smartphone oder eine aktuelle Digitalkamera lege, liegen Welten dazwischen. Ein Bild war früher kostbar. Nicht unbedingt im künstlerischen Sinne, sondern schon rein materiell. Ein Film hatte 24 oder 36 Aufnahmen. Jeder Druck auf den Auslöser verbrauchte eine davon. Der Film musste entwickelt werden. Abzüge kosteten Geld.
Heute tragen wir praktisch alle permanent eine Kamera in der Hosentasche. Wir können zehn Bilder machen. Hundert. Tausend. Speicherplatz kostet praktisch nichts mehr. Ein Foto ebenfalls nicht.
Und trotzdem drücken wir weiterhin auf den Auslöser.
Warum?
Die beste Kamera ist die, die ich dabei habe
Es ist einer dieser Sätze, die in der Fotografie wahrscheinlich schon ein paar Millionen Mal geschrieben wurden: Die beste Kamera ist die, die man dabei hat.
Und trotzdem stimmt er. Es kann meine große Mittelformatkamera sein, eine Nikon, eine kleine Kompaktkamera, eine Actioncam, eine 360-Grad-Kamera oder eben das Smartphone. Denn eine Kamera, die zu Hause im Schrank liegt, kann keinen Moment festhalten.
Das Entscheidende ist für mich deshalb längst nicht mehr, womit ein Foto entstanden ist. Viel spannender ist: Warum wollte ich diesen Moment überhaupt festhalten?
Ich fotografiere Menschen
Wenn ich meine Bilder der vergangenen Jahre betrachte, gibt es darauf natürlich Landschaften, Schiffe, Architektur, Produkte, Technik und Reisen. Und wahrscheinlich auch den einen oder anderen Mülleimer, weil ich mich mal wieder nicht getraut habe, den interessanten Menschen daneben anzusprechen.
Denn obwohl ich beruflich problemlos auf Menschen zugehen kann, bin ich bei klassischer Streetfotografie bis heute erstaunlich zurückhaltend. Ich bewundere Fotografen, die einen fremden Menschen auf der Straße sehen, hingehen und einfach fragen: „Darf ich ein Portrait von Dir machen?“
Ich nehme mir das regelmäßig vor. Und dann stehe ich irgendwo in Frankfurt, sehe einen unglaublich spannenden Menschen – und fotografiere am Ende doch lieber die Straßenbahn.
Aber wenn ich mir anschaue, welche meiner Bilder mir wirklich wichtig sind, dann sind darauf fast immer Menschen.
Ich möchte nicht festhalten, wie ein Mensch aussieht
Das klingt zunächst widersprüchlich. Natürlich zeigt ein Portrait, wie ein Mensch aussieht. Aber genau das reicht mir nicht.
Mich interessiert die Verbindung zwischen dem Menschen vor meiner Kamera und mir. Ich möchte wissen: Wer ist dieser Mensch? Was bewegt ihn? Was hat er erlebt? Was erzählt er mir? Wie fühlt sich die Situation gerade an?
Und wenn ich später ein Foto betrachte, möchte ich mich nicht ausschließlich daran erinnern, wie jemand ausgesehen hat. Ich möchte mich daran erinnern, wie sich dieser Moment angefühlt hat.
Das ist für mich ein gewaltiger Unterschied.
Fotografie friert nicht nur Zeit ein
Vielleicht ist genau das die eigentliche Faszination der Fotografie. Ein Foto hält einen Bruchteil einer Sekunde fest. Technisch betrachtet war es vielleicht 1/250 Sekunde. Oder 1/500. Vielleicht auch nur 1/60.
Ein winziger Moment.
Und trotzdem kann dieses Bild Jahrzehnte später eine komplette Geschichte zurückholen: eine Stimme, eine Stimmung, einen Geruch, ein Gespräch, einen Menschen, ein Gefühl. Plötzlich ist dieser winzige Bruchteil einer Sekunde sehr viel größer als die Zeit, die der Verschluss tatsächlich geöffnet war.
Genau deshalb heißt dieser Blog „Digitaler Augenblick“
Der Name Digitaler Augenblick ist nicht zufällig entstanden. Genau darum geht es für mich: um Augenblicke. Um Momente. Nicht zwingend um technisch perfekte Bilder.
Ich kann mich natürlich darüber freuen, wenn ein Bild perfekt scharf ist, die Belichtung stimmt und meine teure Kamera ihre technische Leistungsfähigkeit ausspielen konnte. Aber ein technisch perfektes Bild, das nichts in mir auslöst, ist mir am Ende weniger wert als ein vielleicht nicht perfektes Foto, an dem eine Erinnerung hängt.
Technische Qualität kann ich messen. Die Bedeutung eines Bildes nicht.
Meine Urlaubsbilder sind vor allem Menschenbilder
Das ist mir nach unserer diesjährigen Reise durch Norwegen wieder besonders aufgefallen. Natürlich habe ich Fjorde fotografiert. Das Schiff. Landschaften. Wasser. Häfen. Norwegen bietet mehr als genug Motive. Und mit Kameras, Smartphone, Actioncam und Co. sind während der Reise einige tausend Fotos, RAW-Dateien und Videoclips zusammengekommen.
Aber welche Aufnahmen bedeuten mir heute etwas? Vor allem die Bilder meiner Familie und unserer Freunde. Die Menschen. Die gemeinsamen Situationen. Die kleinen Momente dazwischen.
Natürlich freue ich mich über eine großartige Landschaftsaufnahme. Aber ein Bild eines Menschen, den ich liebe, in einem besonderen Moment? Das spielt für mich in einer völlig anderen Liga.
Warum dann die ganze teure Technik?
Berechtigte Frage. Wenn es doch nur um den Moment geht, warum brauche ich dann Mittelformat, Nikon-Vollformat-Ausrüstung, verschiedene Objektive und all das andere Zeug?
Die Antwort ist herrlich unromantisch:
Weil ich Technik geil finde.
So einfach ist das.
Fotografie besteht für mich aus mehreren Ebenen. Ich liebe das Ergebnis. Ich liebe den Prozess. Ich liebe Menschen. Und ich liebe eben auch die Werkzeuge, mit denen ich arbeite.
Eine hochwertige Kamera in die Hand zu nehmen, ein schönes Objektiv anzusetzen und damit zu fotografieren, macht mir Freude. Brauche ich das alles zwingend, um ein bedeutungsvolles Foto zu machen? Natürlich nicht. Macht es mir trotzdem Spaß? Aber sowas von.
Und ich finde, wir müssen uns dafür auch nicht ständig rechtfertigen.
Schwarzweiß ist meine bevorzugte Sprache
Dass ich heute überwiegend in Schwarzweiß fotografiere, ist ebenfalls Teil meiner persönlichen Entwicklung. Die Welt ist bunt. Und das ist gut so. Deshalb möchte ich übrigens auch keine Kamera, die ausschließlich Schwarzweiß aufnehmen kann. Ich möchte die Entscheidung weiterhin selbst treffen können.
Aber wenn ich meine eigenen Bilder betrachte, lande ich sehr häufig bei Schwarzweiß. Farbe kann wunderschön sein. Schwarzweiß reduziert für mich jedoch. Es nimmt etwas weg und lenkt meinen Blick dadurch auf etwas anderes: auf Formen, Kontraste, Gesichter, Gesten und Blicke. Und bei Portraits vor allem auf den Menschen.
Vielleicht passt Schwarzweiß deshalb so gut zu meiner Art der Fotografie.
Fotografie ist inzwischen mein Beruf – und trotzdem noch mein Ausgleich
Das ist eine Frage, die mir tatsächlich immer wieder gestellt wird. Fotografie, Video und Content waren über viele Jahre mein Ausgleich zu meinem eigentlichen Berufsleben. Heute sind genau diese Dinge mein Beruf.
Was ist also jetzt mein Ausgleich?
Natürlich meine Familie. Andere Interessen. Es gibt da beispielsweise noch eine Eisenbahn, die definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Aber erstaunlicherweise ist auch die Fotografie selbst immer noch ein Ausgleich. Nur eben auf eine andere Art.
Drei Bilder bearbeiten und dabei den Kopf ausschalten
Ein Beispiel dafür hatte ich erst kürzlich. Abends auf dem Sofa. Meine Frau schaut eine Sendung, die mich nur bedingt interessiert. Notebook auf den Schoß, Kaffee daneben – und dann suche ich mir drei Bilder heraus.
Keine Kundenbilder. Kein Auftrag. Keine Deadline. Einfach drei Fotos für mich.
Ich bearbeite sie, schaue mir Details an, entscheide mich für einen Bildlook und erinnere mich daran, wann und wo die Bilder entstanden sind. Und plötzlich merke ich, wie ruhig ich dabei werde.
Fotografie hat für mich etwas Meditatives.
Nicht immer. Natürlich kann Bildbearbeitung unter Zeitdruck auch Arbeit sein. Aber wenn ich fotografiere oder Bilder ausschließlich für mich bearbeite, kann ich darin wunderbar verschwinden.
Ich suche nicht unbedingt Motive – ich finde sie
Auch das beschreibt meine Fotografie inzwischen ziemlich gut. Ich gehe selten los und sage: Heute muss ich exakt dieses Bild machen.
Natürlich gibt es das beruflich. Ein Kunde bestellt ein bestimmtes Ergebnis und dann produziere ich genau dieses Ergebnis. Privat funktioniert meine Fotografie anders.
Ich beobachte. Ich sehe etwas. Ich spüre einen Moment. Und dann nehme ich ihn auf. Manchmal funktioniert es. Manchmal nicht.
Aber genau dieses Suchen, ohne wirklich zu suchen, gehört für mich dazu.
Fotografie macht mich glücklich
Nach fast fünf Jahrzehnten mit Kameras könnte ich jetzt versuchen, eine möglichst tiefgründige Antwort auf die Frage dieses Artikels zu konstruieren. Am Ende ist sie aber erstaunlich einfach.
Warum fotografiere ich?
Weil ich es möchte. Weil ich es kann. Weil ich Menschen und ihre Geschichten spannend finde. Weil ich Erinnerungen festhalten möchte. Weil mich Technik begeistert. Weil ich damit heute mein Geld verdienen darf. Weil mich der Umgang mit Bildern beruhigt. Weil ein Foto einen längst vergangenen Moment wieder lebendig machen kann.
Und vor allem:
Weil Fotografie mich glücklich macht.
Vielleicht braucht es gar keine kompliziertere Begründung.
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Und warum fotografierst Du?
Der Welttag der Fotografie ist für mich deshalb weniger ein Tag, an dem ich über Kameras, Megapixel oder die Geschichte eines fotografischen Verfahrens sprechen möchte. Er ist eine gute Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, warum wir überhaupt noch fotografieren.
Gerade heute. In einer Zeit, in der Milliarden Bilder entstehen, in der praktisch jeder Mensch permanent eine Kamera bei sich trägt und in der künstliche Intelligenz Bilder erzeugen kann, für die niemals ein Fotograf auf einen Auslöser gedrückt hat.
Vielleicht wird dadurch die persönliche Bedeutung eines selbst aufgenommenen Fotos sogar noch größer. Denn hinter diesem Bild steckt etwas, das sich nicht in Megapixeln messen lässt:
Ich war dort. Ich habe diesen Moment gesehen. Ich habe ihn gefühlt. Und ich habe mich entschieden, ihn festzuhalten.
Das ist meine Antwort.
Jetzt interessiert mich Deine: Warum fotografierst Du?
