Fotografie – eine schräge Szene!? (#118)

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Wenn man eine Szene beurteilen will darf man nicht ein Teil derer sein…

… deswegen will ich mit diesem Beitrag auch nicht die Fotografie-Szene „beurteilen“, sondern eher mal als „Insider“ ein paar Takte dazu verfassen und Euch zum Denken und Schmunzeln anregen. Ich wundere mich in dieser Branche über nichts mehr – genieße aber jeden Tag darin!

Die Theoretiker werden zu Lehrern

In der Masse der Social Medias finden sich immer mehr Prediger die Ihre Jünger suchen. Da gibt es massig Anbieter von Fach-Workshops zur Fotografie, welche selbst aber nur sehr wenig noch in dieser gepredigten Fachrichtung unterwegs sind. Hochzeitsfotografen die die Hochzeitsfotografie vor eins bis zwei Jahren aus Frust verlassen haben – ihre geldbringenden Workshops aber weiterhin anbieten? Zum Glück verändert sich so ein Markt nicht, wäre ja fatal wenn der Lehrer gar nicht wüsste über was er aktuell spricht? Oder? Ach, ist auch egal, denn es gibt ja genug Lemminge die alles an Know How kaufen wenn der Lehrer genug „Follower“ hat…

Selbstverständliche Dinge des Alltags werden vermarktet

Es ist egal ob es Mailvorlagen, Vertragsvorlagen, stumpfe PreSet Files oder gar Videos sind, die zeigen wie man Mails von potentiellen (theoretischen) Kunden beantwortet – alles wird zu Geld gemacht. Die Prediger der Szene rufen zum passiven Einkommen auf! Ein Traum der Branche – Geld verdienen und in der Hängematte zusehen wie sich das Konto füllt. Danke der vielen Lemminge in der Szene geht dieser Plan auf.

Die Zielgruppe der Stars der Fotografie-Szene sind Fotografen – schon lange keine Menschen mehr die Bilder brauchen. Videos in denen gezeigt wird, wie man etwas machen kann sind der Ober-Renner und Umsatzbringer! Kauft die alle – bitte! Und kopiert alles bitte was Ihr dort „gelehrt“ bekommt zu 100%. Jedes erdenkliche Detail ist wichtig. Eure Bilder, sofern es Euch überhaupt noch darum geht, müssen zu 100% den selben Lock und die selben Posen haben. Sonst wird aus Euch nie ein solcher Star der Szene. Das ist ganz wichtig, unterschätzt das nicht, denn „Abheben“ und „Anders-Sein“ ist alles andere als Hip! Ganz wichtig! Gleichheit ist das neue Hip!

Onkel Bob wird für viele zum ernsten mentalen Problem

Der oft belächelte Onkel Bob zerstört zig Existenzen. Zumindest tun viele meiner Kollegen in der Foto-Szene so. Da werden ganze Inseln „getötet“ weil der eine oder andere Fotograf kostenlose Shootings anbietet mit denen er etwas Sonne in sein Portfolio bringen möchte. Revolution – sowas gab ja früher nie! Oder doch? Lasst uns doch mal überlegen ob es diese Onkel Bobs, die sich eine Kamera leisten können und diese unfallfrei von A nach B tragen können, nicht schon immer gab, die kostenlos und oft sogar mit viel Herzblut gerne Bilder machen – einfach weil sie es wollen und vielleicht sogar in Einzelfällen können? Himmel, da gibt es Menschen ohne kommerzielle Absichten – die töten alle die von der Fotografie leben. Echt jetzt?

Wenn sich der Profi sich nicht durch seine Erfahrung und sein besseres Auge und Feingefühl für die Kunden vom Onkel Bob abheben (und vermarkten) kann, dann hat er doch (also rein eventuell…) ein ganz anderes Problem (mit sich selbst!). Oder?

Oft, und damit knüpfe ich an oben an, sind aber genau die Onkel Bobs die, die Euer passives Einkommen bezahlen… aber da sind es dann Freunde und keine Feinde mehr, oder?

Der kompetente Fachverkäufer…

Kennt Ihr! Kennt Ihr nicht? Wenn ich ehrlich bin kenne ich auch immer weniger, denn die meisten (und zum Glück nicht alle!!!) treiben nur noch die Sau durchs Dorf, die gerade am besten provisioniert wird. Da wird dem Hersteller, der gerade keine Promo (für den „Fach“verkäufer) laufen hat förmlich die Pest an den Hals gewünscht und zwingend etwas anderes dem suchenden Kunden angedreht, obwohl das angedrehte vielleicht nur bedingt zur Erfüllung der Kundenziele geeignet ist.

Ich könnte Stundenlang in Fotofachgeschäften stehen und diesem Treiben zusehen. Es ist herrlich und viel besser als jede Comedy. Macht das mal… ein paar Fachgeschäfte gibt es ja noch.

Die Vollformat- und Mittelformat-Diskussion

Herrlich, alleine über diese (nervige)(überflüssige)(unsinnige)(leider nie objektiv geführte) Diskussion könnte man ein Buch schreiben. Das heutige digitale (kaum größere) Mittelformat ist viel kleiner als das eigentliche damalige Mittelformat. Dennoch wird es gehyped bis zum Umfallen. Der eigentliche Vorteil der besseren Freistellung wird zwar durch die nur gering größere Sensorgröße eliminiert und das mit Objektiven die weit weniger Licht durchlassen kombiniert, aber das ist den Predigern alles egal. Mittelformat ist der Allheilsbringer. Ihr habt keine Digitale Mittelformatkamera? Ja und Ihr macht trotzdem noch gute Bilder? Wie geht das? Cropformat nutzt Ihr? Schämt Euch! Ihr versteht worauf ich hinaus will, oder?

Ist es nicht völlig egal welches Format der Sensor hat wenn der Bediener der Kamera weiß was er tun will, was er damit tun kann und was seine Kunden kaufen wollen? Müssen solche Themen nahezu religiös diskutiert werden?

Aus Fotografen werden Social Media Gurus und aus denen Verkaufstrainer

Immer öfter mit anzusehen in der spannenden Foto-Szene sind die Entwicklungen im Lemminge-Style. Fotografen vermarkten Ihr ganzes Leben (siehe oben) und werden dank der konsumierenden und kopierenden Gesellschaft zu Online Stars. Ab 50.000 und mehr Follower, die man heute übrigens mit ganz wenig Mitteln sich zusammen kaufen kann, werden diese (natürlich immer noch unter dem Vorwand der Fotografie) dann zu Social Media Profis. Ist ja auch klar! Oder? Und da dies so gut klappt und alle brav voneinander kopieren, werden dann schnell aus diesen Social Media Gurus ganz neue Verkaufstrainer und Keynote-Super-Mega-Hype-Speaker auf Verkaufstrainer-Plattformen. Wahnsinn diese (oft leider sehr hohlen) Karrieren! Beobachtet das mal, es ist in so vielen Fällen genau das selbe Strickmuster. Herrlich. Comedy pur. Wenn man dann noch sieht, wie viele sich immer vom eigenen „ich“ abwenden und sich immer mehr verbiegen um so zu sein wie der andere und dabei gänzlich die Bodenhaftung verlieren. Ich sehe das gerne mit an! Wirklich.

Nicht falsch verstehen, ich lese selbst sehr viel Material von Verkaufstrainern, Marketingprofis, Social Media Experten, Mental-Coaches und sogar Material von Psychologen da mich das alles fasziniert und der Erfolg immer im Kopf beginnt. Dieses blinde hundertprozentige Kopieren der selbsternannten Experten der Szene, insbesondere in der Foto-Szene muss ich aber wirklich mit einem großen Schmunzeln betrachten, die bei vielen bis zur völligen Selbstaufgabe geht, Hauptsache sie sind ganz schnell genau so wie Ihr Ober-Lemming, der auch nur anderen nachrennt. Herrlich! 

Viele Fans gleich viel Expertise

Meine liebsten Fotografenkollegen – wenn man diese denn so nennen kann – sind die mit den vielen Fans. Kaum drei oder fünf Hochzeiten fotografiert schon 12.000 Fans auf Facebook. Das hat meinen allergrößten Respekt verdient. Erst recht wenn der Erfolg aus dem heimischen Dorf so immens groß ist, dass man schlagartig über 4.000 Fans aus Ghana und über 4.000 Fans aus Indien dazu bekommen hat. Da steht dem globalen und multikulturellen Hochzeitsfotografen-Imperium ja nichts mehr im Wege! Diese Kollegen haben meinen allergrößten Respekt oder auch mein allergrößtes Mitleid. Wenn Ihr Eure eigene Seite oder auch nette Kollegen mal checken wollt, dann empfehle ich Euch mal den folgenden Link zu SternTV. Wenn das so aussieht wie auf dem folgenden Screenshot, dann steht der internationalen Fotografenkarriere garantiert nichts mehr im Weg! Ganz sicher…

Style-Shoots – mein absolutes Lieblingsthema

Immer wieder sehe ich diese wunderbaren und makellosen Bilder, die in einem sehr nahen Zusammenhang mit den Worten „ungestellte und authentische Hochzeitsreportagen“ genutzt werden. Ich bin begeistert was viele Kollegen da realisieren. Schade, das die Kunden – die „armen Hochzeitspaare“ – hier leider allzu oft brutal verarscht werden. Viele dieser wundervollen Bilder sind fernab von einer echten Hochzeit geschossen worden, denn es sind sogenannte StyleShoots. An diesen ist erst mal nichts verkehrt – im Gegenteil – diese bringen wundervolle Erinnerungen für den Fotografen und auch die abgebildeten Personen. Nur leider weiß das Brautpaar Hildegard und Egon, die vor Euch sitzen und im Sportheim des Nachbarorts heiraten wollen und Euch als Hochzeitsfotografen buchen wollen, nicht das für dieses gezeigte Style-Shoot-Bild drei Stunden Aufwand betrieben worden sind. Wenn man das dem Brautpaar und allen Besuchern der Online ausgestellten Bildern klar macht, dass es einen „kleinen“ Unterschied gibt, zwischen einer zum Teil sehr hektischen Reportage und dem feinst zurecht gestellten und gestylten Shooting. Beides ist toll – beides ist echt – wenn man es denn auch so deklariert. Das geht aber leider bei einigen Kollegen der Szene unter im Eifer des Gefechtes. Ob das den potentiellen Kunden und Kollegen gegenüber fair ist, überlasse ich Euren eigenen Gedanken. In dem folgenden Artikel hatte ich mich dazu schon etwas ausgelassen.

Link: Lasst Euch nicht verarschen liebe Brautpaare…

War das eine Abrechnung mit der Foto-Szene? Oder was soll der Beitrag?

Nein das war es keineswegs. Das waren nur Betrachtungen, oder nennen wir es Wahrnehmungen der letzten Tage und Wochen. Ich habe die Augen immer sehr offen und bin neuem sehr aufgeschlossen. Diese obigen Eindrücke sammelt man sehr schnell wenn man sich in der Social Media Szene der Fotografie tummelt und nicht im Lemminge-Modus den selbsternannten Aposteln blind hinterher rennt. Während man das tut, hat man entweder keine Zeit, da man ja gerade alles kopieren muss der vermeintlichen Stars oder weil man solche offenen und vielleicht etwas kritisierenden Worte gar nicht lesen/hören will.

Ich für meinen Teil bin sehr froh viele Kollegen in der Fotografie persönlich zu kennen die gänzlich anders agieren als das was ich oben gesehen habe. Da sind viele Fotografen und Fotografinnen dabei, die „Ihr Ding“ machen und „Ihren Style“ leben und den auch gut verkaufen. Es gibt (zum Glück) so viele Kollegen, die einen unverkennbaren Bildstil und auch Lebensstil haben und es geschafft haben Erfolgreich zu sein ohne sich selbst zu verbiegen. Das sind Kollegen die ich schätze – auch wenn diese vielleicht nur 500 oder 1000 Fans und Follower haben. Es gibt aber auch viele die weit über 50.000 und mehr „Folger“ haben und dennoch „Sie selbst“ geblieben sind. Das sind Vorbilder!

Ich selbst bin sehr dankbar jeden Tag viel zu lernen und mich, meinen Style, meine persönliche Art und auch meine Techniken jeden Tag etwas weiter zu entwickeln. Dabei lese ich viel, schaue viele Tutorials und spreche sehr gerne auch persönlich mit wertvollen Kollegen. Weiterentwicklung ist mir persönlich extrem wichtig, sowohl fachlich aber noch viel mehr auf der persönlichen Ebene. Bei dieser Weiterentwicklung nehme ich gerne das gelernte und adaptiere es für mich indem ich schaue was zu mir, meinen Zielen und meinen Kunden passt und das entsprechend „personalisiere“ auf mich. Blindes kopieren von anderen und deren Vorgehensweisen ist für mich Lemminge-Kram und den mochte ich noch nie. Erfolg beginnt im Kopf und in diesen lasse ich keinen Mainstream.

Bleibt Ihr selbst! Und wenn Euch das nicht gefällt, dann entwickelt Euch weiter, aber so das Ihr selbst Euch dann gefallt! 

Vielleicht konnte ich den einen oder anderen von Euch zum Denken und Schmunzeln anregen. Dann hat es sich gelohnt, diese Zeilen zu verfassen.

Schöne Grüße – Euer Fotofuzzy – Jörg Langer

9 Kommentare

  1. Hallo Jörg,

    siehst Du, das meine ich. Ich lese Dich da immer sehr gerne. Und ich war ja dann auch jetzt mal live dabei und kenne den einen oder anderen kleinen Hintergrund.

    Heute ist leider alles „nur“ noch irgendwie Vermarktung. Sogenannte Influencer spielen sich in den Vordergrund und die Massen laufen ihnen nach. Ich weiss nicht, wo das noch hinführen soll. Meine Hoffnung ist, dass es nur ein Phänomen ist, dass sich wieder gibt.

    Andererseits scheint es inzwischen ein Bedürfnis von Menschen zu sein, nicht mehr hervorzustechen. Lustigerweise war gerade heute ein Artikel in SPON über „Speichellecker Mitarbeiter“ die nichts mehr kritisch hinterfragen und nur noch „mitlaufen“. *seufz*

    Nunja. Behalten wir das alles mal im Auge.

    Danke für Deine Betrachtung.

  2. Das zu lesen ist wirklich erleichternd und spricht mir selbst auch aus der Seele. Wobei gerade die Workshop Thematik ein zweischneidiges Schwert ist. Nur darüber Dinge zu lernen ist sicherlich nicht zielführend, dennoch finde ich es selbst eine schöne Sache um zu reflektieren und den eigenen Weg zu hinterfragen. Das kommt dann aber natürlich auch stark auf den Referenten an bzw. die eigene Einstellung.

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