„Entschleunigung mit Format!“ … oder auch „der Erstkontakt mit dem Großformat!“

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Vor einigen Wochen im Studio bei einem guten Freund:

Ich:

„Ach Herrje, wenn ich die Koffer mit den Großformatkameras sehe, könnte ich schwach werden… Das Thema habe ich mir noch nie angesehen und werde das Gefühl nicht los, das mir da echte Basics fehlen…“

Er:

„Wann gehen wir los?“

Ich:

„Wie jetzt?“

Er:

„Ich habe noch alles dazu und Filme bekommen wir bei GM-Foto bestimmt auch noch….“

Und nun war es ein paar Wochen später so weit das wir uns spontan bei uns getroffen haben um das Thema Großformat „zu bekrabbeln“… Und schon stand sie da bei uns im Wohnzimmer, die Arca Swiss M-Line monolith.

Der nette Fotokumpel, der sehr erfolgreich seit über 20 Jahren in der Produktfotografie ist, nahm sich den ganzen Nachmittag Zeit für mich und hat mir mit Engelsgeduld meine tausenden Fragen beantwortet und mir Themen wie Scheimpflugsche-Regel und Schwarzschild-Effekt so anschaulich erklärt das Tilten und Shiften auf drei Achsen so seelenruhig erklärt und ich habe an diesem wunderschönen Urlaubstag alles an Informationen aufgesaugt wie ein ausgetrockneter Schwamm. Solche Ausführungen von echten Profis die seit über 20 Jahren trotz aller schneller Veränderungen am Markt, im Marketing, in der Druckszene immer vorne dabei waren im kleinsten intimen Rahmen erfahren zu können sind eine wahre Segnung für Fotobegeisterte Menschen wie mich. Das kann man bei keinem kommerziellen Workshop „kaufen“, was ich gestern erleben durfte.

Da wir beide die ersten Stunden verschwätzt haben, war das Licht dann leider als wir raus gingen quasi weg und das Wetter segnete uns mit Staubfreiem Boden dank eifrigem Regen. Dennoch haben wir im nahen Hessenpark ein paar Motive gefunden an denen ich testen und üben konnte und der nette Fotokumpel hat mir Assistiert. Verdrehte Welt!!! (… wie mein verdrehtes Knie auch… Aua!)

Das Ziel des Tages war es nicht „Die Aufnahme des Jahrtausends“ zu machen, sondern die grundlegende Technik und Handhabung einer Großformat Kamera zu erleben und zu erlernen. Und das haben wir trotz des miesen Wetters sehr gut geschafft. Also Ziel erreicht!

Hier ein paar Eindrücke von diesem „Großformat-Krabbeln“:

.

Schon das einlegen der Filmscheiben im stockdunklen Raum war ein Erlebnis für mich. Die ersten Bilder die wir machten, zum reinen veranschaulichen der Kameratechnik waren bei uns indoor und zwar meine kleine geliebt, die M9. Dabei gab uns der Belichtungsmesser vor das wir bei Blende 16 ganze 20 Sekunden belichten sollten. Der nette Fotokumpel schaute mich an und meinte nur:

„Jetzt kommt gleich das Thema Schwarzschild-Effekt zum tragen…“

Meinem Blick sah er direkt an, dass der wissbegierige Schwamm in meinem Kopf schon wieder bereit war neue Informationen auzusaugen. Ein paar Testbelichtungen auf Polaroid (für jeweils 5,70 pro Sofortbild – Auuuaaaaaaa!) später verstand ich was dieser Schwarzschild-Effekt war. Das Bild war erst nach sagenhaften 26 Minuten halbwegs korrekt belichtet. Wie gut das wir den leckeren Kuchen nach Omas Rezept noch verdrücken mussten. Da kommt eine Belichtung von 26 Minuten genau richtig :-).

Liebe Blogleser und Freunde, ich kann mir keine andere Technik besser vorstellen um die Grundprinzipien der Fotografie besser zu verstehen als das Handling und üben mit einer Großformatkamera. Wer das verstanden hat, hat es verstanden!

Das Tilten über drei Achsen, das Shiften auf beiden Standarten, das Nutzen einer 4×5 Zoll großen Mattscheibe zum komponieren des Bildes, das Tragen eines 12 Kilo schweren Statives und der mehreren Koffer um ein Bild zu machen – das ist echtes Fotografieren in Reinstform!

Ob das heute noch einen effektiven Anwendungsfall hat in der modernen Werbe- oder Architekturfotografie steht auf einem Blatt und wird durch die Langsamkeit des Systems, der Wartezeiten der Entwicklungen und den Materialkosten sicher drastisch beeinflusst. Wenn man bedenkt, dass im Fotofachhandel zehn Polaroids 57 Euro kosten und ein Diafilm mit zehn Dias auch gute 50 Euro kostet ohne die noch kommende Entwicklung, dann sind das mal echte Ansagen! Uns hat das aber nicht den Spaß verdorben. Wenn man etwas früher die Materialien beschafft, zum Beispiel aus der Bucht, dann kann z.B. 10 Polaroids „schon“ für um die 36 Euro bekommen, was den Auslösefinger schon etwas flexibler macht :-), der bei 5,70 pro Klick schon arg „zäh“ funktioniert.

Da der „verrückte“ nette Fotokumpel seine Arca Swiss gestern mit dem Kommentar

„ich müsste sie ja nur wieder hochschleppen…“

hier stehen lies damit ich noch ein paar Wochen damit „spielen“ und „entschleunigen“ kann, darf ich also noch „bissi“ trainieren und werde bestimmt auch hier im Blog nochmals darüber berichten.

Am Dienstag, wenn ich eh wieder nach Frankfurt muss, wird erst mal das Labor aufgesucht um die Großformat-Dias abzugeben in den Kassetten zur Entwicklung.

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz lieb und recht herzlich bei meinem lieben Freund bedanken der sich gestern so ausgiebig Zeit für mich und meine Neugierde genommen hat. Das das in der heutigen Zeit mit enormen Auftragsdruck nicht selbstverständlich ist, ist mir auch bewusst und deswegen hier an dieser Stelle ein von herzen kommendes:

DANKE SIR!!!

Es war ein traumhafter Urlaubstag mit so vielen neuen Eindrücken und Lernerfolgen – Einfach Wahnsinn!

Weiterführende Links:

p.s.: Warum schreibe ich nur „der nette Fotokumpel“ und nicht seinen Namen mit Links zu Ihm und seinen Twitter und Facebook und Google Accounts. Weil es noch Menschen gibt, die im Netz nicht derart aktiv sind und lieber Anonym bleiben möchten und Ihren Erfolg nicht nur über das Zählen von Gefällt mir Klicks und Anzahl Followern definieren. Das finde ich sehr sehr gut und respektabel und er selbst kennt meine Meinung und meinen Respekt dazu nur zu gut!

7 Kommentare

  1. das werde ich so kurzfristig wohl nicht mehr schaffen – aber wenn mich mein Weg in die Nähe von Frankfurt führt (in Hanau werde ich auf alle Fälle dieses Jahr sein), dann können wir den Kaffee gerne nachholen.

  2. Wow! Glückwunsch zum Tag und der tollen Erfahrung!
    Der Hessenpark war eine exzellent Wahl für S/W-Großformate, Jörg! (Auch bei Regen.)

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