Die große Fotoschule – Digitale Fotopraxis von Christian Westphalen

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„Jörg für was um Himmels willen brauchst Du das dicke Ding denn? Du weißt doch schon alles zum Thema Fotografie….. Du und Fotoschule??“,

sagte ein Freund kürzlich, der das Buch bei uns im Wohnzimmer liegen sah. Nun ich glaube ich weiß schon recht viel, aber bei weitem nicht alles und ich bemühe mich nahezu jeden Tag etwas hinzu zu lernen. Obwohl wir einen nicht unerheblichen Anteil unseres Familieneinkommens mit der Fotografie erwirtschaften und ich selbst mich sehr viel mit Kameras und Kameratechnik und Bildgestaltung auseinandersetze, so ist es mir persönlich sehr sehr wichtig mich regelmäßig weiterzubilden. Dazu gehört auch dieser über 700 Seiten starke und 39 Euro teure „Wälzer“ der sich selbst „Die große Fotoschule – Digitale Fotopraxis“ nennt.

Ich habe nun viele Tage immer wieder darin gelesen und mir immer wieder mal einige Kapitel rausgesucht um mir diese reinzuziehen. Das Buch ist in die folgenden Kapitel eingeteilt:

  1. Kamera
  2. Objektive
  3. Schärfe
  4. Licht
  5. Belichtung
  6. Blitzfotografie
  7. Bildgestaltung
  8. Farbe
  9. Schwarzweiß
  10. Motive
  11. Video
  12. Bldbearbeitung

und zusätzlich eine gute Einführung vorneweg und ein großer Glossar zum Abschluss. Der Autor Christian Westphalen schreibt in seiner Einleitung/Einführung für wen er diese Buch, das jetzt in der zweiten Auflage vorliegt, geschrieben wurde. Er schreibt:

Dieses Buch ist für Sie geschrieben worden, wenn

  • Sie eine digitale Spiegelreflexkamera oder eine spiegellose Systemkamera besitzen oder anschaffen möchten,
  • Sie die Grundlagen der Fotografie erlernen, vertiefen oder auf den aktuellen Stand bringen wollen.

Sein erklärtes Ziel ist es, dem Leser des Buches ein gutes Grundverständnis der Digitalfotografie zu vermitteln. Dieses Gelingt ihm sehr gut. Im Kapitel 1 – die Kamera – zum beispiel erklärt er grundlegende Kamerasysteme aus der Vergangenheit und bringt dem Leser damit gut den Grundaufbau einer Kamera und die Grundlagen des digitalen Bildes näher.

Begriffe wie Pixel, Auflösung, Interpolation, Farbtiefe, Farbräume, Bittiefe, Sensor, Bayer-Muster erklärt er kurz und treffend und so das sowohl Anfänger wie auch geübte das verstehen. Durch gute Grafiken und Schaubilder versteht der Leser auch gut die Themen Verschluss mit langen Verschlusszeiten und kurzen Verschlusszeiten.

Das es in diesem Buch um die digitale Fotopraxis geht, sieht man schnell am Kapitel 1.8.9 wo der Autor auf unser allesamt geliebtes Problem mit dem Staub eingeht und wie man diesen wieder vom Sensor entfernen kann.

Er beschreibt nicht nur Kameras und deren Technische Grundlagen, sondern auch Zubehör wie Stative und Fototaschen. Der Bereicht Fototaschen ist für mich als Taschenfreak natürlich deutlich zu klein geraten. Vielleicht sollte ich doch selbst mal ein Buch darüber schreiben…. Hi Hi Hi.

Im Kapitel 2 – Objektive – räumt der Autor schnell mit dem Missverständnis auf das ein kleinerer Sensor (wir sagen oft Crop-Sensor dazu) die Brennweite von Objektiven verändert. Er erklärt mit guten Grafiken den Unterschied zwischen Brennweite und Bildwinkel sehr anschaulich. Begriffe wie Crop-Faktor, Perspektive und Blende gehören auch zum zweiten Kapitel und sind super erklärt. Das Kapitel 2 ist ein echtes „Nachschlagewerk-Kapitel“ mit all den Begriffen wie Schärfefehler, spährische Aberration, Bildfeldwölbung, Dezentrierung, chromatische Aberration (CA), Koma, Purple Fringng, Farblängsfehler (LoCa) und vielem mehr. Dinge die man nicht jeden Tag braucht und auch nicht jeden Tag erklären muss, aber um so schöner ist es zu wissen das Christian Westphalen es sehr gut in seinem Buch erklärt das ich jetzt im Schrank stehen habe. 🙂

Die Einsatzbereiche der vielen verschiedenen Objektivtypen wie FishEye, Weitwinkel, Normal, Portrait, Tele, Tilt/Shift, etc. zeigt der Autor an sehr guten Beispielfotos deutlich. Für die Adaptierfreaks (wie ich gerade einer werde) hat er sogar in seinem Buch eine Tabelle mit den verschiedenen Auflagemaßen. Dazu erklärt er auch viele verschiedene Konvertertypen. Auch das wird die „Altglas-Fraktion“ sehr freuen. Auch der Einsatz von Filtern erklärt er gut und zeigt einige davon auch mit guten Beispielfotos.

Schärfe, Unschärfe, Schärfentiefe, Bokeh, Scheimpflug und vieles mehr wird im dritten Kaptel sehr anschaulich beschrieben. Selbst einen Siemensstern und auch eine spezielle Seite zum Fehlfokus der eigenen Objektive ermitteln finden wir in diesem Buch. Beides soll auch im Downloadbereich der zu diesem Buch gehört zu finden sein, aber den habe ich noch nicht angeschaut.

Es ist erstaunlich wie viel mal über das Licht sprechen bzw. lesen lann. Da geht es nicht nur um Hell und Dunkel, sondern um Lichtrichtungen, Lichtqualitäten, Weißabgleiche, Kreuzlichte, Unter und Oberlichter, Reflexionen und ebenso um die Lichtmalerei und mein liebstes Licht, das Available Light.

Dem sehr wichtigen Thema Belichtung geht Christian Westphalen im fünften Kapitel auf den Grund. Dort erklärt er wirklich ausführlich das Zusammenspiel zwischen Blende, ISO-Wert und Belichtungszeit. Nach dem Lesen dieses Kapitel weiß man ziemlich genau was die verschiedenen Automatiken der Kameras so messen und was diese dann vorschlagen bzw. an Einstellungen wählen. Natürlich werden auch die verschiedenen Messmethoden und ebenso die verschiedenen Korrekturen gut erklärt.
Gerade für Einsteiger ein sehr wichtiges und sehr gut erklärtes Kapitel.

Dem Blitzen widmet der Autor gute sechzig Seiten und erklärt auf diesen Seiten wirklich alles zum Thema Blitzen, von mobilen Blitzen bis hin zum Studioblitzen.

Weitere sechszig Seiten spendiert das Buch bzw. der Schreiber des Buches dem Kapitel Bildgestaltung. Dieses Thema ist sicherlich das schwierigste zu erklärende Kapitel denn letztendlich ist die Gestaltung eines Bildes heute keinen grundlegenden Regeln mehr unterworfen wie in der Frühzeit der Fotografie, sondern vielmehr eine Frage des persönlichen Geschmacks. Dennoch schafft es der Autor recht gut und verständlich Themen wie Drittelregelung und Perspektive rüber zu bringen. Man merkt, finde ich, auch an den Bildbeispielen, das sich der Autor hier am schwersten getan hat. Das kann ich sehr gut nachvollziehen aus einigen Diskussionen die ich mit meinen „Schülern“ bei Workshops oder Einzelcoachings schon hatte, da vieles dem Geschmack des Betrachters unterliegt.

Das achte Kapitel – Farbe – habe ich als bekennender SW Fan natürlich komplett ignoriert :-). Nein Spaß beiseite, denn hier wird gut die Wirkungen der einzelnen Farben und der Fabrbestandteile eines Fotos, auch die der unbunten Fotos, erklärt. Teile aus diesem Kapitel passen gut zu dem Farbräume-Buch von Sam Jost, das ich gerade gelesen habe. Da finde ich sogar das Sam dieses noch einfacher erklärt oder vielleicht auch einfach nur „anders“. Auf jeden Fall ein wichtiges Kapitel das einem hilft vieles besser zu verstehen in Sachen Wirkung der Aufnahmen auf andere.

Das neunte Kapitel ist mein persönliches Lieblingskapitel, denn da geht es um mein Lieblingsthema die SW Fotografie. Das oft wichtige an der SW Fotografie sind ja sie farbigen Filter und genau das erklärt der Autor auch gut auf den Seiten 467 bis 469. Das spannende Thema „Partialkontrast“ fehlt auch nicht in diesem Kapitel das übrigens mit reichlich guten Bildern bestückt ist. Die zweite hälfte des Kapitels widmet sich der Bildbearbeitung und Ausgabe von SW Fotos.

Ich merke gerade, dies wird eine ziemlich lange Rezension hier, ich hoffe nicht zu lang für meine Leser dieser Zeilen?!? Aber nun weiter gehts, so viele Kapitel sind es ja nicht mehr und ich versuche mich etwas kürzer zu fassen.

Im zehnten Kapitel – Motive – habe ich mich sehr wohl gefühlt beim Lesen, denn es beschreibt herrlich den Umgang mit Models, mit Menschen und Situationen vor der Kamera. Gerade in 10.2.5 beschreibt Christian den menschlichen Faktor. Gefällt mir sehr gut wie er über Vertrauen und Zeit spricht bzw. schreibt. Tolle Fotos findet man dann übrigens in den Bereichen Panorama und Landschaft. Das sehr große Thema Reisefotografie, das bei ganz vielen Fotobegeisterten die einzige Zeit des Jahres ist wo sie fotografieren kommt mir persönlich in diesem Buch etwas kurz, aber dazu gibt es ja gesonderte eigene Bücher und schicke Lesewerke.

Das Videokapitel – Kapitel 11 – habe ich tatsächlich mit seinen fast 50 Seiten übersprungen bzw. nur schnell durchgeblättert. Sah gut aus. 🙂

Das Kapitel 12 – das letzte – Bildbearbeitung – umfasst dann die restlichen ca. 70 Seiten, die stark von Photoshop und Lightroom dominiert sind. Auch die fast religiöse Frage ob ein PC oder Mac spricht der Autor in diesem Kapitel an. Um diese Fragen machen viele einen Bogen und wollen darauf nicht eingehen. Dieses Kapitel ist ziemlich umfassend in der Themenauswahl. Dennoch kommen die vielen Themen dieses Kapitels fast zu kurz. Ich denke fast da wäre ein eigenes Buch besser und man nutzt dieses Kapitel nur als „Appetizer“ für mehr Lust und nur als Überblick über die vielen verschiedenen Themen wie Arbeitsfarbraum, RAW-Konvertierung, Kameraprofile, Bildbearbeitung mit Photoshop, Bildverwaltung mit Lightroom, Tonwertkorrekturen, Farboptimierungen, selektive Farbkorrekturen, die verschiedenen Scharfzeichnungen Panorama, HDR, Retusche und die vielen Dateiformate bis hin zu den EXIF und IPTC Daten in den Bilddateien.

Der abschließende Glossar (oder heißt es das Glossar?) rundet dieses „dicke Werk“ sehr gut ab und hilft beim Nachschlagen der einzelnen Begriffe sehr.

Viele Bilder regen dazu an diese nachzustellen  und selbst auch gleich auszuprobieren. Genau das gefällt mir an seinem wirklich schweren Buch sehr gut, es regt an. Es regt an direkt das gelernte oder eben gelesene anwenden zu wollen. Brauchen wir alle nicht ab und zu mal solche Anregungen oder Inspirationen?

Nun, hat Christian Westphalen sein Ziel erreicht? Habe ich nach dem Lesen und stöbern in seinen 700 Seiten ein gutes Grundverständnis der Digitalen Fotopraxis? Ich denke ja, ich denke auch das ich das schon vorher hatte, mir aber sein Buch auf jeden Fall geholfen hat andere und neue Sichtweisen und Erklärmethoden zu finden die ich bei meinen Einzelcoachings gut gebrauchen kann. Insofern war das Buch für mich ein „Train the Trainer“ Part und es hat mir viel Spaß gemacht und mir auf jeden Fall geholfen. Für Anfänger ist dieses Wer ein Muss! Ganz eindeutig. Für Fortgeschrittene und Geübte ist das Werk eine neue Methode Dinge mal neu zu erlernen bzw. seinen eigenen Wissenstand mal zu checken und sich selbst mal „gesund zu hinterfragen“ ob man es so auch hätte erklären können.

Es kostet 39 Euro. Für Anfänger ist es 49 Euro wert! Für Fortgeschrittene ist es die 39 Euro die es kostet auf jeden Fall auch wert und wenn es nur dazu hilft Onkel Bob und Tante Erna Ihre Fragen besser beantworten zu können!

Ist es eine Fotoschule? Ja das ist eine Fotoschule!

Schöne Grüße – Euer Fotofuzzy  Jörg Langer

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